| Ätiologie |
| Das Charcot-Gelenk
ist eine sekundäre Gelenkzerstörung nach Verlust der peripheren
Sensibilität. Die diabetische Polyneuropathie ist die häufigste
Primärerkrankung. Andere Grunderkrankungen, die zu einer Polyneuropathie
bzw. zu einem peripheren Sensibilitätsverlust führen, können
ebenso zum Bild des Charcot-Gelenkes führen. So kann eine neuropathische
Osteoarthropathie unter anderem beim Alkoholismus und dem Vitamin-B12-Mangel-Syndrom
beobachtet werden. Rückenmarksprozesse wie sie bei den Spätfolgen
der Syphilis (oder "Lues"), der Syringomyelie und der Multiplen
Sklerose auftreten, können Gelenkzerstörungen vom Typ Charcot-Gelenk
nach sich ziehen. Auch bei dem erblichen Charcot-Marie-Tooth-Syndrom
und der Infektionskrankheit Lepra ist das Charcot-Gelenk beschrieben
worden. |
| Pathogenese |
Durch die Grunderkrankung
fallen (1.) die Nachrichten der peripheren sensiblen Nervenfasern
sowie (2.) die Impulse der dünnen vegetativen Axone aus.
(1.) Durch das Fehlen der sensiblen Nachrichten (über Gelenkstellung,
Kraftentwicklung und Gelenkbewegung) "verrechnet" sich das
Zentralnervensystem und belastet das Skelett unphysiologisch stark.
Normalerweise schützt unsere Schmerzwahrnehmung uns vor falschen
Belastungen des Bewegungapparates. Da auch die sensiblen Schmerzfasern
ausgefallen sind, fehlt nun dieser "Schmerz-Schutz" und
das Zentralnervensystem zerstört bei gewöhnlicher Belastung
besonders jene Skelettabschnitte, die sowieso schon stark belastet
sind, also typischerweise die Fusswurzel-Gelenke. Dieser Pathomechanismus
scheint beim Charcot-Fuss als Folge der diabetischen Polyneuropathie
der Fall zu sein.
(2.) Der Ausfall der vegetativen (oder autonomen) Nervenfasern ist
sicher auch entscheidend: Das Knochengewebe wird durch die fehlenden
autonomen Nerven zu stark durchblutet, wird vermehrt abgebaut als
aufgebaut und bricht daher schon bei Bagatell-Traumen. Dieser zweite
Faktor, der Ausfall der vegetativen Fasern, erklärt, warum besonders
die obere Extremität bei Rückenmarksprozessen wie der Syringomyelie
betroffen ist. |
| Klinik |
Die neurogene
Osteoarthropathie Charcot äussert sich zu Beginn, also vor der
unten geschilderten drastischen Klinik, meist nur röntgonologisch
mit Zeichen der Gelenkspaltverschmälerung, Subluxation und mit
feinen Frakturlinien.
Im weiteren Verlauf zeigt das Charcot-Gelenk eine deutliche Klinik
mit Schwellung, Überwärmung, oft vermehrter Durchblutung
und stets erheblichem Funktionsverlust der betroffenen Gelenkregion.
Bei Diabetes mellitus-Patienten ist die Fusswurzel, besonders der
Bereich des medialen Rückfusses sehr häufig betroffen. Typisch
ist die schmerzlose, auffällige Verformung der Fusswurzel durch
mehrfache Brüche.
Patienten mit Charcot-Fuss berichten, dass (häufig nur) ein Fuss
in letzter Zeit eigenartig dick geworden sei, auch der Schuh hier
nicht mehr passe und "das Bein irgendwie zu kurz geworden sei".
Dass die Fusswurzel mehrfach gebrochen ist und der Patient oft wochenlang
damit ohne grösserer Beschwerden weiter herumgeht, ist durch
den Verlust der Schmerzwahrnehmung verständlich. Beim Charcot-Fuss
wird zudem sehr häufig ein Druckgeschwür (das "Malum
perforans") der Haut in der betroffenen Region vom Untersucher
gefunden. Der Patient geht und steht weitgehend beschwerdefrei auf
dieser offenen Wunde, in deren Tiefe typischerweise die Knochenbruchstücke
zu sehen sind.
Bei etwa einem Drittel der Patienten ist die Schmerzwahrnehmung allerdings
erhalten, wenn auch gemindert, was sie dann früher in ärztliche
Behandlung führt. |
| Epidemiologie |
| Bei etwa 15%
der Diabetes mellitus-Patienten wird eine neurogene Osteoarthropatie
Charcot beobachtet. Der Altersgipfel liegt zwar im 5. und 6. Lebensjahrzehnt,
der Charcot-Fuss kann aber auch schon bei jugendlichen Diabetes-Patienten
auftreten. Etwa 10-20% der Patienten mit zerstörenden Prozessen
im Rückenmark (klinisches Bild des "Tabes dorsalis"
als Spätform der Syphilis, des Alkoholismus oder des Vitamin-B12-Mangels)
leiden an Charcot-Füssen. Bei etwa 25% der Syringomyelie-Patienten
werden Gelenkveränderungen (häufig an Schulter- oder Ellenbogengelenken)
im Sinne des Charcot-Gelenkes beobachtet. |
| Therapeutische
Konzepte |
| Entlastung und
Ruhigstellung durchbricht den Kreislauf von Fraktur-Belastung-Fraktur.
Der hohen Infektionsgefahr (beim Malum perforans) wird mit besonderer
Hygiene und mit Antibiotika begegnet. Nach der ersten chirurgischen
Versorgung wird der Funktionserhalt und die Rekonstruktion der betroffenen
Gelenkregion angestrebt. Natürlich sollte auch die Grunderkrankung
optimal behandelt werden. |
| Abbildungen |
| Röntgenbild:
Fuss eines Diabetes-mellitus-Patienten mit Charcot-Fuss. Deutlich
sind die verschobenen und zerbrochenen Fusswurzelknochen zu erkennen.
Der Kalkschatten ist zum Teil wolkig verändert, was u. a. auf
eine Osteomyelitis hinweist. Ganz weich zeichnet sich auch die Schwellung
des Bindegewebes ab. Das Bild ist urheberrechtlich geschützt
und wurde freundlicherweise von Dr. C. Goldberg an der medizinischen
Universitätsklinik San Diego zur Verfügung gestellt. http://som.ucsd.edu/
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Foto
der Fuss-Sohle: Gleicher Fuss des Diabetes-Patienten wie oben.
Das (gereinigte) Druckgeschwür (das "Malum perforans")
zeigt in der Tiefe neben rötlichem "Granulationsgewebe"
(also soetwas wie 'Heilungsgewebe') auch weissliche Kanten: Das sind
Knochenbruchstücke, die hier offen liegen ("offene Fraktur").
Aus der Krankengeschichte ist bekannt, dass diese Wunde sich entzündet
hat und eine bakterielle Knochenmarksentzündung entstanden ist
("Osteomyelitis"). Das Bild ist urheberrechtlich geschützt
und wurde freundlicherweise von Dr. C. Goldberg an der medizinischen
Universitätsklinik San Diego zur Verfügung gestellt. http://som.ucsd.edu/
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| Jean-Martin
Charcot (1825 - 1893) |
Charcot
war ein berühmter französischer Neurologe der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts. Neben dem "Charcot-Fuss" (1868) trägt
auch heute noch die "Marie-Charcot-Tooth-Krankheit"
(unter anderen) seinen Namen. Charcot hat sich als Forscher und Kliniker
mit verschiedenen neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen
befasst. Richtig berühmt wurden seine Untersuchungen der Hysterie
und Hypnose. Heute gilt Charcot daher auch als Wegbereiter der Psychoanalyse,
Sigmund Freud war einer seiner Schüler. Mehr zu Charcot:
(französisch) http://www.ch-charcot56.fr/histoire/biograph/charcot.htm
- (deutsch) http://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Martin_Charcot |
| weitere Links |
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| Download:
Charcot.pdf (mit
rechter Maustaste und dann "...speichern unter...") |